Mein junger Patient ist wirklich nett. Darum freue ich mich mit ihm, dass er nach längerer Junggesellenzeit wieder eine Freundin gefunden hat. Was mich bekümmert: Sein Blutdruck ist
chronisch erhöht und auch durch sein Medikament nicht gut einzustellen. Auf meine Nachfrage hin berichtet er mir, dass er neben seiner anstrengenden Arbeit (bei der er leider bescheiden
verdient) noch einen zeitaufwändigen Zusatzjob angenommen habe. Mit dem Geld bezahle er die Wochenendreisen zu seiner Freundin, die leider in einer anderen Stadt lebt. Dort
studiert sie, und auch sie hat einen Nebenjob (darum mag sie nicht den Studienort wechseln, um ihrem Freund näher zu sein). Allerdings nutzt sie das verdiente Geld nicht dafür, mal ihren
gestressten Freund zu besuchen, sondern sie füttert damit mehrere Dutzend Haustiere. Mehrere Dutzend! Ratten, Hamster, Vögel...
Da rackert sich der geliebte Mann so ab, um die Treffen zu ermöglichen, dass seine Gesundheit schon Schaden nimmt, und sie haut 500 € monatlich für für das ganze Viehzeug raus! Wenn sie nur die
Hälfte davon als Reisekosten abgeben würde, könnte ihr Freund auf den 400 €- Job verzichten (er hat ja auch noch die ganze, zeitraubende Fahrerei am Hals). Aber anscheinend kommt ihr dieser Gedanke
nicht, oder die Tierchen sind ihr wichtiger.
Als mein Patient die Praxis verlässt, bleibe ich nachdenklich zurück. Er gibt alles, sie gibt den Tieren. Ich hätte ihm eine Partnerin gewünscht, für die er an allererster Stelle steht. Für seinen
Blutdruck musste ich ihm einer zusätzliche Pille verschreiben.
von Dr. Frauke Höllering
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