Freitag, 29. februar 2008
... Wenn es doch das Internet gibt? Diese Frage hat jemand bei Google eingegeben, und das hat mich mächtig erschüttert. So wenig sind wir unseren Patienten wert?
Schon in den ersten beiden Praxisstunden heute hatte ich zwei Patientinnen, die durch das Lesen im Internet völlig in die Irre geleitet wurden. Die eine dachte, sie hätte eine Entzündung der
Bauchspeicheldrüse, die andere meinte, von multiresistenten Streptokokken befallen zu sein. Bei der letzteren genügte ein Blick auf die Haut, um einen allergischen Ausschlag zu
diagnostizieren. Die erste musste ich untersuchen und befragen, bis klar wurde, dass sie unter Blähungen litt, weil sie kaum kaute, hastig aß und meist nur schwer Verdauliches. Bis zur
Diagnosestellung haben sich beide Patientinnen eine Menge Sorgen gemacht!
Das Internet kann nur ungefiltert einen Berg von Informationen preisgeben, deren Wichtigkeit man nicht einschätzen kann. Natürlich kann man bei Schwindel MS haben, aber anderes ist tausendmal
wahrscheinlicher. Warum sich also erst Sorgen machen durch sinnloses Stöbern im Netz? Gerade meinen unsere Netz- Hypochonder alle, sie litten an ALS, einer extrem seltenen
Nervenkrankheit. Auf die wären sie niemals gekommen, wenn sie nicht im Net gestöbert hätten. Wenn man eine Diagnose hat, kann man mit dem Net schon mehr anfangen. Hier finden sich
Hintergrundinfos und Selbsthilfegruppen; was man aber liest, sollte man wieder mit dem Hausarzt besprechen, damit der die Relevanz einschätzen kann. Es steht auch viel Mist im Netz!
Man braucht einen Hausarzt aber für viel mehr: Als Begleiter und Gesundheitsratgeber, als Vorsorgemanager und Ratgeber, welcher Facharzt bei Bedarf weiterhilft (Lotsenfunktion) , als guten
Allgemeininternisten, der sich um die meisten Krankheiten selber kümmern kann, als psychologischen Helfer in Krisensituationen, als einen, der sich auch um das Umfeld kümmert, als Ratgeber bei
Partnerschafts-, Job- und Erziehungsfragen, als Arzt, der ans Krankenbett kommt, wenn man nicht mehr krabbeln kann, als Sammler und Erläuterer der Facharztbefunde und Krankenhausbriefe (die man bei
Hausarztwechsel als kostbare Dokumente weiterreicht), als Ratgeber in Sachen Selbstmedikation, weil der Apotheker nicht unabhängig ist (er will ja so viel wie möglich verkaufen), als Reisemediziner
und Impfplaner, als Tröster, als Kurenbeantrager, als Krankschreiber, als einen, der einen auch mal in den Hintern tritt, das Rauchen aufzugeben oder gesünder zu leben.
Eine ganze Menge, oder????????? Schade, dass der/die, der/die jene Frage eingegeben hat, meine Antwort wahrscheinlich nicht mehr zu lesen bekommt!
aus jeder der Zeilen liest man, dass Sie Ihren Beruf lieben! Und ja, ich bin sicher, dass Sie sich Ihre Ideale noch bewahrt haben und auch versuchen, diesen gerecht zu werden.
Wie in allen Berufsgruppen gibt es aber bei den Ärzten 'so 'ne und so 'ne' ;-) . Manchmal beim Lesen Ihrer offenherzigen Kommentare wünsche ich mir für die Patienten ein wenig mehr Vorstellungskraft bei Ihnen, dass nicht alle Ihre Kollegen so sind und arbeiten wie Sie. Ich würde mir wünschen, dass Sie die basics ein wenig mehr abklopfen würden. Nur weil Sie einen Test für selbstverständlich halten, macht den ein Kollege noch lange nicht ;-)
Grundsätzlich: ich halte die Info-Möglichkeiten im Internet für eine gute Sache und traue den meisten Menschen auch genug Intelligenz zu, die Infos zu filtern. Die Leser, die im Focus Forum aufschlagen, erschrecken mich als Lehrerin manchmal mit ihrem Mangel an Wissen in der Biologie/Anatomie. Bes. häufig scheinen dies junge Menschen zu sein, die durch normale Regungen Ihres Körpers erschrecken. Da würde ich mir manchmal von Ihrer Seite etwas mehr Geduld und Verständnis wünschen und nicht nur ein lapidares 'Dann lesen Sie doch nicht so viel'. Es ist zwar eine schöne Vorstellung, aber welcher, gerade auch sehr junge, Mensch geht denn wirklich zum Hausarzt und stellt Fragen wie 'Warum gluckert mein Bauch so komisch?' oder 'Ist die Beule an meinem Hoden normal'? Da ist das Internet mit seinen Foren eine gute Möglichkeit im anonymen Rahmen seine Zweifel zu besänftigen.
Die 'Netz-Hypochonder' waren meiner Meinung nach früher auch schon da, sie fanden halt nicht so leicht schöne Bezeichnungen für ihre eingebildeten Beschwerden. ;-) Dass dann eine psycholgische Beratung angebracht sein kann, sehe ich genau so. Allerdings habe ich seit den 70er Jahren den Eindruck, dass (manche?) Ärzte zu schnell die Diagnose 'psycho-somatisch' stellen. Meine Ärztin erklärte in den 80er auch ein Gesamt-Cholesterin von 360 mit 'Das ist Ihre Art auf Stress zu reagieren' und gab mir Artischockenextrakt. (Inzwischen nehme ich Statine).
Liebe Frau Dr., bewahren Sie sich bitte Ihre Begeisterung für den Beruf!
Viele Grüße
Hashimota
danke für Ihren nachdenklichen Kommentar! Ich fürchte, wenn mand as Abitur "entschlackt" wie man es derzeit in NRW plant, wissen die jungen Leute bald noch weniger.
Ja, früher las man "Doktorbücher" und gruselte sich. Aber jetzt ist es irgendwie schlimmer geworden: Es rollen richtige Wellen durchs Land, Myokarditis, Hirntumor, MS... Ich gebe zu, dass mir da manchmal die Geduld fehlt! Ist (bei Focus) allerdings auch eine Zeitfrage, und man kennt ja so seine Pappenheimer dort, die die eigenen Nerven strapazieren. Nur bei denen werde ich lapidar, oder?? Muss mal in mich gehen ;-)
Während meiner psychosomatischen Zusatzausbildung lernte ich: Auch ein Psychosomatiker kann körperlich erkranken! Ich gebe Ihnen Recht, dass vegetativ Labilen oft Unrecht getan wird, und dass (wie wohl bei Ihnen) die Psyche oft herhalten muss, wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen. Das halte ich für ein Armutszeugnis.
Ich liebe meinen Beruf wirklich, und ich ärgere mich über meine Fehler, die ich natürlich auch mache. Aber ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.
Vielleicht sollten Ärztinen un dÄrzte häufiger in den Unterricht kommen! Mein Angebot wurde nur einmal wahrgenommen...
Schönes Wochenende!