Donnerstag, 28. februar 2008


Eigentlich wollte ich am letzten Wochenende nur eine schöne Zeit im meiner alten norddeutschen Heimat Lübeck verbringen. Ganz ohne Medizin, nicht einmal Fachzeitschriften hatte ich mitgenommen.

Aber dann kam nachts ein Hilferuf einer alten Bekannten aus jenen Tagen, als unsere Kinder klein waren: Sie wüsste nicht, was sie tun solle, ihr Mann hätte sich umbringen wollen. Mittags noch war ich fast 2 Stunden dort,gewesen um den beiden in ihrer Ehekrise beizustehen, die ihnen seit fast einem Jahr Kraft und Nerven raubt. Das war anscheinend nicht besonders erfolgreich gewesen!

Die Szenerie, die mich erwartete, war grauenhaft. Seit einer Stunde hielten die erwachsenen Söhne ihren Vater im Klammergriff, dass er nicht zu Ende führte, was er schon sehr zielstrebig begonnen hatte, bis die Jungs dazwischenkamen. Er tobte, fluchte und drohte, während seine Familie ihn in Schach hielt. Seine Entschlossenheit, sich umzubringen, war so groß, dass ich die Polizei holte. Gemeinsam fuhren wir mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, glücklicherweise kam er (nach vielen besänftigenden Worten) freiwillig mit.

Als wir in der nüchternen Plastikstuhl- Atmosphäre ankamen, wurde mir noch einmal bewusst, was Kummer, Zorn  und Enttäuschung aus Menschen machen kann! Aus einem charmanten, erfolgreichen, netten Kerl war ein nervliches Wrack geworden, das behütet werden musste (seiner Frau geht es nicht besser, aber sie denkt nicht an Selbstmord). Ich war froh, dass ein Freund auf der Station eingetroffen war, als ich mit der Polizei zurückfuhr. "Das verzeih ich dir nie!", sagte der Patient immer wieder zu mir, und das hatte er auch zu seinen Söhnen gesagt.

Auf dem Rückweg schaute ich bei der Familie vorbei, die wie gelähmt war. Wire sprachen über die private und berufliche Katastrophe, die sich entwickelh hat und noch deutlich verschärfen wird. Wir sprachen über unsere Sorge, dass er sich irgendwann doch einmal umbringen würde. Aber die ganze Nacht  im eigenen Bett verfolgte mich die Sorge um die Söhne. Was sie  erlebt und gehört haben, lässt sich nicht mehr auslöschen. Sie werden sehr viel Zeit, Liebe und Kraft brauchen, damit fertig zu werden. Wenn bloß dies das letzte große Drama war! Mehr können alle Familienmitglieder wirklich nicht verkraften.



von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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  • : Dr. Frauke Höllering
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  • : Ich habe eine Gemeinschaftspraxis in einer sauerländischen Kleinstadt, in der ich wirklich gerne arbeite. Das aber nur in der Hälfte meiner Zeit. In der anderen Hälfte schreibe ich (z. B. in der "Neuen Welt" oder bei Focus online).

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