Mittwoch, 30. januar 2008
Eigentlich hatte ich auf einen gemütlichen Feierabend gehofft, aber dann kam es ganz anders: Die Polizei rief mich an mit der Bitte, einen unserer Patienten per Gerichtsbeschluss in die
Klinik zu schicken.
Was war passiert? Wieder einmal hatte er den Kampf gegen die Alkoholkrankheit verloren. Seit etwas überzehn Jahren trank er zuviel, und auch mehrere Krankenhausaufenthalte und Kuren hatten daran
nichts geändert. Eine Weile blieb er trocken, besuchte vielleicht sogar eine Selbsthilfegruppe, aber nach einigen Wochen bis Monaten war es wieder soweit, dass er trank. Auslöser war meist
Unzufriedenheit mit sich und den anderen. Obgleich auch wegen anderer Erkrankungen frühberentet und mit viel Tagensfreizeit, erwartet er von seiner voll berufstätigen Frau hausfrauliche
Höchstleistungen. Die Idee, selber mit anzupacken, empfindet er als absurd. Wenn seine beiden fast erwachsenen Kinder nicht genau so "funktionieren", wie er das will, schnappt er ein. Der Weg von
Zorn und Frust zum Bierglas ist dann nur noch klein .
Jetzt war es wieder soweit. Aus dem autoritären, aber nüchtern durchaus harmlosen Mann war ein Betrunkener geworden, der seine Tochter mit einem Messer bedrohte und von Selbstmord murmelte.
Die Polizisten trafen ihn nicht tobend, sondern ruhig vor. Mitnehmen konnten sie ihn nicht, weil "nicht wirklich" etwas passiert war. Da er im Rausch aber schon öfter gewalttätig geworden war, war
so etwas zu befürchten. Also wurden der Dienst habende Beamte vom Ordnungsamt und ich herbeitelefoniert. Eine Einweisung in die geschlossene psychiatrische Abteilung war nicht zu umgehen.
"In 24 Stunden werden Sie mit einem Richter sprechen", erklärte ich. "Der wird entscheiden, wie es weiter geht. Ich hoffe, dass Sie bald wieder nüchtern sind und entlassen werden. Vor allem aber
hoffe ich, dass dieses das letzte Mal sein wird, dass Sie zwangseingewiesen werden". Natürlich war mein Patient sauer und enttäuscht, fühlte sich verraten und missverstanden. Gut, dass ich ihn seit
vielen Jahren kenne; denn wenn ein fremder Arzt ihn per Gerichtsbeschluss einwiesen hatte, ging das nicht ohne wütenden Widerstand ab.
Auf dem Heimweg dachte ich über Alkohol nach. Wie glücklich ich bin, dass ich Bier oder Wein trinken kann, ohne in eine Abhängigkeit zu rutschen! Das verdanke ich meiner günstigen Genetik. Ich habe
z. B. Ärzte, Richter, Hausfrauen und Arbeiter getroffen, die das Pech hatten, süchtig zu werden. Anfangs tranken sie auch nur hin und wieder, aber es wurde immer mehr, weil sie das "Sucht- Gen"
haben. Mein Patient tat mir Leid, und ich sehe schwarz für ihn. Auch seine Familie tut mir Leid; irgendwann wird seine Frau ihre Drohung wahr machen und sich von ihm trennen. Ich sehe sein
Haus unter dem Hammer und ihn einsam und enttäuscht. Dann wird er gar nicht mehr aufhören zu trinken.