Hundertzwanzigtausend offiziell gemeldete Abtreibungen haben wir jährlich in Deutschland, bei sicher noch erklecklicher Dunkelziffer. Das, obgleich uns allerlei wirksame Verhütungsmittel zur
Verfügung stehen, und trotz der Tatsache, dass eine Abtreibung ein einschneidendes, oft dauerhaft psychisch belastendes Erlebnis ist. Das ist gut nachzulesen in der Studie "Kleiner Eingriff,
großes Trauma", die sich mit den psychischen Folgen von Abtreibungen beschäftigt.
Ca 40 % der abtreibenden Frauen sind verheiratet, das Gros ist zwischen 25 und 40 Jahren alt. Teenager, Vergewaltigte und medizinisch Gefährdete sind in der absoluten Minderzahl.
Ich lag vor vielen Jahren mal mit einer verheirateten Frau im Krankenzimmer, die ihre 7. Abtreibung hinter sich hatte. Sie ging genauso vor wie meine (berufstätige) Nachbarin zu
Studentenzeiten: "Ich vertrage die Pille nicht, mein Mann/Freund mag keine Kondome, dann treibe ich eben ab".
Viele Frauen (und Männer!) sind sich gar nicht bewusst, dass bei einer Abtreibung in der 12. Woche ein perfekter kleiner Mensch mit Fingern, Herz , Zunge und allem, was dazugehört,
zerstückelt und zerstört wird. In vielen Gesprächen auch mit (eigentlich gebildeten) Studentinnen hört man aber, dass doch nur ein "Zellhaufen" entfernt würde. Woher kommt dieser Mangel an
Aufklärung, wo wir doch Sexualkunde in den Schulen und auch sonst Auifklärung an jeder Ecke haben??
In der "Welt am Sonntag" von heute las ich den erschütternden Leserbrief einer Hebamme. Da stand, dass für über 110.000 Abtreibungen jährlich die Kosten vom Staat getragen werden, weil die
Betroffene unter 1000 € monatlich verdient. Was der (verhinderte) Vater verdient, ist dabei egal! Ist es also tatsächlich möglich, dass Frauen sagen: "Die Pille muss ich selber zahlen, dann treibe
ich lieber kostenlos ab"? Ich hoffe, dass das nicht stimmt!
Es geht mir nicht darum, Abtreibungen per se zu verteufeln. In manchen verzweifelten Lagen kann ich verstehen, dass man sich dazu durchringt. Aber man sollte schon darum ringen und nicht
leichtfertig entscheiden!
Ich habe soviel darüber geschrieben, wie man auf sich selber aufpassen sollte. Bitte, passen Sie auch auf Ihre Verhütung auf! Wenn dann doch mal überraschend eine Schwangerschaft
entsteht, dann überlegen Sie sich: "Warum eigentlich nicht?". Den perfekten Zeitpunkt für ein Baby gibt es sowieso nicht... Neuer Job, kein Job, zu jung, zu alt, Haus gebaut, Wohnung zu klein....
Wer Kinder möchte, macht den Zeitpunkt, an dem sie kommen, eben zum perfekten Moment! Ich habe das vor vielen Jahren genauso gemacht, obgleich mir "Pro Familia" auf Grund meiner derzeitigen Lage
sofort den Schein für eine Abtreibungsindikation ausgestellt hätte. Dass ich nicht im Traum daran gedacht habe, dorthin zu gehen, sondern mein Leben auf dieses Baby neu ausgerichtete, war die
besten Entscheidung meines Lebens.
Ich denke nicht, dass unser Körper (den ich für die Hardware der Software "Seele" halte) so einschneidend über unser Leben entscheidet oder auch entscheiden darf. Mir ist auch unheimlich bei dieser These, weil oft der Hinweis auf die "Bestimmung" der Frau ein Instrument ihrer Untersrückung wurde und wird.
Ich wünsche mir nur, dass erkannt wird, wie oft eine Schwangerschaft DOCH ein Segen ist, wenn man sie zunächst als bedrohliche Krise einschätzte. Flexibilität im Denken wäre schön: "Nun ist es soweit, dann versuche ich doch, mit diesen neu gemischten Karten zu spielen und das beste daraus zu machen!". Wer glaubt, einen Zellhaufen abzutreiben, geht viel leichtsinniger mit diesem brutalen Instrument der "Verhütung" um.
Ich habe allerlei Patientinnen, die sich seelisch von einer Abtreibung nicht mehr erholt haben. Insbesondere dann, wenn später das Wunschkind ausblieb. Ich kenne einige, die immer noch am errechneten Geburtsdatum denken: "Jetzt wäre es schon drei Jahre alt... Wie sähe es wohl aus?". Es ist eben nicht so, dass man von einem schwangeren Zustand in einen nicht schwangeren zurückversetzt wird, sondern dass man ein existierendes Lebewesen vernichtet hat. Das bleibt bitter und sollte Fällen wie z. B. dem der o. g. Iranerin vorbehalten bleiben, wenn sich keine andere Lösung findet.