Donnerstag, 17. januar 2008
Viele meiner Patienten betreue ich schon Jahre lang. Ich kenne nicht nur ihre Krankheiten und Gebrechen, sondern auch ihre Familie, ihre Sorgen und Wünsche. Ich besuche sie zu Hause, wenn sie
bettlägerig sind, ich bange mit ihnen, wenn es um ernste Krankheiten geht, ich drücke die Daumen für ihre Jobs, ihre Kinder, ihre Gesundheit. Ich gebe ihnen Rat, wenn die Ehe kriselt, ich tröste
sie, wenn sie traurig sind. Ich gebe mein Möglichstes, sie in Zeiten knapperer Kassen gut zu versorgen. Ihretwegen sitze ich abends und am Wochenende vor Fachzeitschriften oder in Vorträgen, damit
ich auch für kompliziertere Fragestellungen fit bin und medizinisch up to date.
Ich weiß, dass meine Patienten gerne mal ein persönliches Wort sprechen, und nehme mir die Zeit dafür. Ich weiß, wie wichtig kurze Wartezeiten und ein angenehmes Praxisklima sind. Darum
haben wir einen guten Terminplan und ein erfahrenes, großes Praxisteam, auch wenn die Personalkosten hoch sind.
Dennoch verliere ich manche Patienten aus einem einzigen Grund: Ein anderer Arzt meiner Kleinstadt bietet ein Hausarztmodell an, mit dem die Patienten die zehn Euro Praxisgebühr sparen. Ungerührt
werden die Krankenakten eingefordert, um sie dem anderen Kollegen zur Verfügung zu stellen. Dass er weder die personelle, noch die apparative Ausstattung unserer Praxis hat, interessiert solche
Patienten nicht. Es steht mir nicht an, die medizinischen Qualitäten meiner Kollegen zu beurteilen; aber bei manchen, behaupte ich einfach, ist man schlechter betreut als bei mir. Dennoch wechseln
manche Patienten, die sich zehn Euro Praxisgebühr im Quartal locker leisten könnten.
Natürlich könnte ich an allen Hausarztmodellen teilnehmen; aber ich habe bisher nur eines, das ich für sinnvoll erachte. Warum, das ist eigenen eigenen Artikel wert. Dass meine Arbeit manchen nicht
einmal 3,33 € im Monat wert ist (die aber ja nicht für mich sind, sondern welche die Krankenkasse bekommt), ist eine bittere Pille für mich.