Es war, wie ich gehofft hatte: Gegen Abend wollte keiner mehr etwas von mir, so dass ich gemütlich mit meinen Freunden essen konnte. Sie tranken Sekt und Rotwein, ich blieb alkoholfrei,
und es war trotzdem fröhlich. gegen 22 Uhr klingelte mein Handy: Ein älterer Herr hatte Probleme mit einem Katheter, der schon seit Mittag verstopft war. Ich, gut gelaunt, verkniff mir die Frage,
warum man sich erst jetzt darum kümmerte. Weil in unserem Freundeskreis der Leiter der Urologie des zuständigen Krankenhauses war, stimmte ich das weitere Vorgehen mit ihm ab, obgleich er nicht im
Dienst war.
Soweit, so gut, aber die Ehefrau wünschte den Professor zu sprechen. der aber lehnte ab, weil nicht im Dienst war und mitten beim Festessen.I ch war schon im Begriff, zum Patienten zu fahren. Da
hörte ich mir die ersten zickigen Kommentare am Telefon an. Im Hause des Patienten ging es genauso weiter. Schnell wurde ich aufgeklärt, dass die Tochter des Hauses Juristin sei und sich an die
Ärztekammer wenden würde, wenn ich nicht willfährig das täte, was man wünschte; nämlich die Einlieferung in ein anders Krankenhaus (wegen des urologischen Chefs, der nicht in der Sylvesternacht mit
einer Angehörigen sprechen wollte, weil er fähige Ärzte in seiner Klinik hatte). Das hatte keine urologsche Abteilung, also lehnte ich ab. Gleichzeitig bat ich, sich doch in der Diskussion an
geltende Höflichkeitsregeln zu halten. Oha! Das wäre immerhin ihr Haus, zischte die Tochter, und ich hätte nur meinen Job zu tun.
Ich hatten den armen, verwirrten Patienten schon untersucht und die Einweisung ins richtige Krankenhaus geschrieben. Begleitet von weiteren giftigen Kommentaren von Mutter und Tochter verließ ich
das Haus, darüber grübelnd, wie der arme, liebe und verwirrte Patient in einer solchen Familie wohl leben würde. Gleich anschließend wurde ich zu einer reizenden alten Dame mir liebevollen
Angehörigen gerufen; das war ein guter Kontrapunkt!
Patienten können sich bei der Ärztekammer über mich beschweren. Wo kann ich mich eigentlich über unverschämte Angehörige (oder Patienten) beschweren, die Dienst habende Ärzte als Marionetten
des eigenen Egos und willfährige Sklaven sehen, denen man nicht höflich, geschweige denn freundlich begegnet?