Dienstag, 11. dezember 2007
Ich habe immer eine Kleenex- Schachtel in Griffnähe; es kommt regelmäßig vor, dass jemand im Sprechzimmer in Tränen ausbrechen muss. Selten ist eine schwere Erkrankung der Grund dafür, meistens sind es persönliche Probleme, die das Nervensystem so sehr belasten.

Heute war es wieder soweit: Ein Mann Anfang vierzig, hat seine Kündigung bekommen, nach 22 Jahren Betriebszugehörigkeit. Er hat fast nie gefehlt und war ein geschätzter Mitarbeiter. Dummerweise ist er nicht verheiratet und hat erwachsene Kinder, da mutet man ihm die Kündigung zu. Nun rang er in meinem Sprechzimmer um Fassung, und ich fühlte mich hilflos. Meine tröstenden Worte ("Sie finden gewiss schnell wieder etwas!") klagen hohl in meinem Kopf, weil ich mir nicht sicher bin. Dennoch tut meinem Patienten das Gespräch gut, weil er wieder Mut gefasst hat.

In Zukunft arbeite ich ja als "Flatrate- Doc" für Kopfpauschalen. Ich hoffe sehr, dass ich mir weiterhin die Zeit nehme, auf meine Patientinnen und Patienten einzugehen und sie zu trösten, auch wenn das Budget das schon lange nicht mehr hergeben wird.

Weiß die Politik eigentlich, dass wir sehr viel mehr tun, als Pillen aufzuschreiben und Überweisungen auszustellen?

Wo ist eigentlich der Aufschwung für die "kleinen Leute"?
von Dr. Frauke Höllering
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Montag, 10. dezember 2007
Für 2008 plant unsere Bundesregierung Ungeheuerliches:  Ärzte sollen die Therapietreue ihrer Patienten überwachen und den Kassen anzeigen! Das bedeutet im Klartext:

Wer chronisch krank ist, muss derzeit nur halb soviel an Zuzahlungen leisten wie jemand, der nur hin und wieder zum Arzt muss. Sein Hausarzt wird ab 2008 einschätzen müssen, ob sein Patient sich an die Anweisungen (z. B. Nichtrauchen, Diät, Medizin) hält, und diese Einschätzung an die Krankenkassen melden. Hält der Patient sich nicht ausreichend an den ärztlichen Rat, verliert er die zusätzliche Befreiung und muss 2% seines Bruttoeinkommens statt 1% zuzahlen.

Ich bin der Meinung, dass jeder mithelfen sollte, gesund zu werden oder zu bleiben. Ich weigere mich aber, Beurteilungen über meine Patienten an die Krankenkassen weiterzugeben! Das würde nachhaltig das Vertrauensverhältnis zerstören.

Den Krankenkassen liegen alle Rezeptabrechnungen vor; daran können sie ersehen, ob die Patienten die verordnetet Medizin im angemessenen Zeitrahmen besorgen. Sie können sehen, ob die Patienten übergewichtig sind, sie können sie selber fragen, ob sie noch rauchen. Warum brauchen sie noch Ärzte als Spitzel? Ich hoffe, dass dieses Gesetzvorhaben  nicht wahr wird!

von Dr. Frauke Höllering
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Sonntag, 9. dezember 2007
In der "Neuen Welt  für die Frau" Nr. 50 , die es noch bis  einschließlich Dienstag am Kiosk gibt, steht  auf Seite 74/75  ein  Artikel über mich. Für all jene, die mal wissen wollten, wo und wie ich so lebe. Brieflichen Rat zu Medizinthemen  bekommen Sie von mir auch weiterhin, wenn Sie mir an die "Neue Welt" schreiben.
von Dr. Frauke Höllering
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Sonntag, 9. dezember 2007

Mittlweiweile legt der kleine Schelm ganze Altenheime, Schulen und Betriebe flach. Da der Erreger ein Virus ist, kann man ihn leider nicht mit Antibiotika o. Ä. bekämpfen... Der Körper muss alleine mit ihm fertig werden. Bis er das schafft, leiden die betroffenen unter heftigem Erbrechen, Durchfall und (oft) Fieber. Eine extrem sorgfältige Hygiene schützt nicht nur die Familie der Erkrankten, sondern uns alle:  Da das Norovirus bis zu 2 Wochen z. B. auf Türgriffen überleben kann, sollte man sich die Bratwurst in der Stadt oder das Brötchen fürs Kleinkind lieber sparen! Kann man sich die Hände vor dem Essen nicht waschen, schaufelt man sich die Viren, die an den eigenne Händen kleben, im Übermaß in den Mund.


Hier ein paar Hygiene- Tipps:

Erkrankte Personen sollten in der akuten Erkrankungsphase Bettruhe einhalten und den Kontakt mit anderen Personen einschränken.

Speisen sollten gut durchgegart sein

In der häuslichen Pflege ist nach dem Toilettengang und vor der Zubereitung von Speisen gründliches Händewaschen mit anschließender Desinfektion erforderlich.

Bei Kontakt mit Stuhl oder Erbrochenem sollen zusätzlich Einweghandschuhe getragen werden.

Bei Kontakt mit Erbrochenem akut erkrankter Personen soll durch Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Einatmen von Tröpfchen vermieden werden.

Mit Stuhl oder Erbrochenem beschmutzte Wäsche ist im Kochwaschgang bei 95° C zu waschen.

Desinfektion der Räumlichkeiten,  Türklinken und anderen handläufigen Oberflächen.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie gesund bleiben!

von Dr. Frauke Höllering
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Samstag, 8. dezember 2007
2008 gibt es wieder mal eine  neue ärztliche Gebührenordnung. Die gesetzlichen  Krankenkassen werden  den Hausärzten fast nur noch Pauschalen bezahlen. Das bedeutet im Klartext: Ob Sie einmal im Quartal  kommen oder zigfach, ob Sie nur einen kurzen Rat brauchen oder  viele lange Gespräche, Untersuchungen und  EKGs, der Doktor bekommt immer nur  die gleiche (nicht üppige) Summe.

Was das bedeutet, liegt auf der Hand: Es wird  kein Arzt Interesse daran haben,  jemanden  intensiv zu beraten, zu untersuchen  oder z. B. mit  EKG oder Lungenfunktionstest weiter zu diagnostizieren, wenn nicht  unbedingt nötig.

Aber: Ärzte sind ja unentgeltliches Arbeiten gewohnt, wir arbeiten ja immer die letzten Quartalswochen umsonst, wenn unser Budget erfüllt ist. Insofern bleibt zu hoffen, dass unsere ethischen Vorstellungen  uns davon abhalten, Minimalmedizin zu betreiben. Inwieweit  wir das mit den lächerlich kleinen Pauschalen hinkriegen, wird man sehen. Ich fürchte, dass wieder einige Arzthelferinnen ihren Job verlieren und die medizinische Versorgung noch schlechter wird.

Der Hausarzt, eigentlich geschätzt vom Patienten und gewollt von der Regierung, wird hier einmal mehr eingeschränkt. Schlecht, wenn er damit reagiert, nur noch Überweisungen zu schreiben; das geht ja am schnellsten!

Ich bin gespannt, ob ich meine technisch und personell gut ausgestattete Praxis unter den neuen Bedingungen noch weiter betreiben kann, oder auch zum "billigen Jakob" mit Stethoskop um den Hals und Überweisungsmappe in der Tasche werde. Falls das droht, werde ich auswandern.

von Dr. Frauke Höllering
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Freitag, 7. dezember 2007
Meine Eltern haben seit vielen Jahren eine nette Frau, die ihnen im Haushalt hilft. Die putzt auch bei ihrem Nachbarn, der sich neulich nicht gut fühlte; er klagte über Schweißausbrüche, Beklemmungen und Schmerz auf der Brust. Sein Arzt untersuchte ihn kurz und schickte ihn mit ein paar Schmerztabletten nach Hause, erzählte meine Mutter mir gestern am Telefon. Die Raumpflegerin, zweifelsohne medizinischer Laie, war der Überzeugung, dass der Nachbar doch ernsthafter erkrankt sei. Sie meinte, erkönnte eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße haben.
Vorgestern nun ist der Nachbar ihrem Rat gefolgt und hat auf eigene Faust einen Herzspezialisten aufgesucht. Diagnose: Herzinfarkt! Der Nachbar liegt nun im Krankenhaus und kann darüber nachdenken, ob eine Reinmachefrau mit Hauptschulabschluss mehr von Medizin versteht als sein Arzt. Ich frage mich das auch!
von Dr. Frauke Höllering
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Donnerstag, 6. dezember 2007
Ein Arzt aus Soest (30 km von meiner Praxis entfernt), der viele Drogenabhängige uns psychisch Kranke behandelt, kann in gefährliche Situationen kommen. Der Arzt erklärte, dass es schon öfter bei Hausbesuchen mit Schusswaffen bedroht wurde.

Aus diesem Grund wollte der Arzt einen Waffenschein und ganz offiziell eine Pistole mit sich tragen. Der Landrat des Kreises Soest hatte diesen Antrag abgelehnt. Das Verwaltungsgericht Arnsberg (meine Stadt) hat nun in einem Urteil die Auffassung des Mediziners unterstützt. Er darf künftig mit einer Pistole zum Hausbesuch.

Ich habe auch immer ein Pfefferspray in der Tasche. Zum Glück habe ich es bisher nicht einsetzen müssen!

von Dr. Frauke Höllering
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Donnerstag, 6. dezember 2007
Eine Patientin hat mir von ihrem Mann erzählt, 74 Jahre alt. Sie haben zusammen Nüsse gegessen, dabei hat er sich fürchterlich verschluckt. Dann ging es ihm wieder besser, und zwei Stunden später wollten beide ins Bett. Unvermutet fragte er sie: "Wie sind eigentlich die Symptome für einen Herzinfarkt?". Sie kannte sich recht gut aus und meinte, dass es ein dumpfer, beängstigender Schmerz sei, der in den Kiefer, aber auch in Rücken oder Bauch ausstrahlen könne. Besorgt fragte sie ihn mehrfach, ob er sich nicht wohl fühle und ob sie einen Arzt alarmieren solle. Er verneinte; er schwitze nur, brauche aber keinen Arzt. Eine kühle Kompresse wäre nett. Die hat er bekommen und schlief damit auch ruhig ein. In der Nacht wachte die Ehefrau von einem dumpfen Schlag auf. Ihr Mann lag auf dem Fußboden, das schnell alarmierte Rettungsteam konnte ncihts mehr für ihn tun. Er war tot.
Meine Patientin macht sich nun tausend Vorwürfe. Hätte sie gegen den Willen ihres Mannes den Notarzt rufen sollen? Obgleich er keine Schmerzen hatte? Hätte das sein Leben gerettet? Vielleicht. Meine Aufgabe ist es, ihr klar zu machen, dass sie nicht Schuld ist am Tod ihres Mannes. Er war im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte; will er keinen Arzt, kann man ihn nicht zwingen. Dennoch findet sie kaum Trost. Sie horcht immer noch auf Geräusche, als käme er gleich um die Ecke, gewöhnt sich nur schwer an das Leben ohne ihn. Es muss sehr hart sein, nach so vielen Jahren so plötzlich den Partner zu verlieren! 
Dieser Mann ist nie zum Arzt gegangen. Vielleicht hätte ein regelmäßiger Check diesen Kummer verhindert (oder um viele Jahre verschoben).
von Dr. Frauke Höllering
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Mittwoch, 5. dezember 2007
Gestern hatte ich Notdienst.  Bei uns in der Kleinstadt gibt es  am Mittwochnachmittag und am Wochenende einen offiziellen Dienst, den wir Niedergelassenen uns teilen.  In diesen Diensten müssen wir in unserem Bezirk bleiben und dürfen keine Patienten in der Nachbarstadt besuchen, auch wenn sie  gerne durch uns behandelt werden möchten (vielleicht sogar unsere Patienten sind). Unter der Woche (wie gestern, Dienstag)  habe ich mich mit einigen Kollegen zusammengeschlossen, die sich gegenseitig vertreten. Gestern  war ich also zuständig  auch für deren Patienten.

Zunächst musste ich mich in der Nachbarstadt um einen alten Herrn kümmern, der zwar in der Nachbarstadt wohnt, aber einen Hausarzt aus meiner Stadt hat, den ich vertrat. Am Wochenende wärer der Notdienst der Nachbarstadt zuständig gewesen, als "kollegiale Vertretung" aber war ich dran.

Soweit, so lästig. Dann klingelte kurz vor Mitternach das Telefon. Einer alten Lady aus meiner Stadt ging es schlecht. Ihr Hausarzt aber ist in der Nachbarstadt und hat einen eigenen Zirkel von Kollegen, die ihn vertreten. Darum musste die dort Dienst habende Hautärztin von dort "anreisen", um die Dame zu versorgen. Ich war, ehrlich gesagt, froh, dass ich dort nachts nicht hin musste. Aber einfacher wäre es doch gewesen, und besser auch, da Hausärzte mehr von schweren Infekten verstehen als Hautärzte.

Um das Chaos komplett zu machen, hatte der Hausarzt der alten Dame seinen Anrufbeantworter falsch besprochen: Mit der Nummer seiner Notdienstzentrale fürs Wochenende, die unter der Woche allerdings nicht zu erreichen ist.  Irgendwann kam man auf meine Nummer, ich bekam über den Rettungsdienst heraus, wer in der Nachbarstadt zuständig ist, dann wurde dort angerufen. Kann mit noch jemand folgen???

Ich träume von EINEM zentralen Notdienst mit einer Nummer für 7 Tage a 24 Stunden für uns und unsere Nachbarstadt, die mit uns zusammengewachsen ist! Den Notdienst kann dann versehen, wer Lust hat. Ich habe keine; dieser Nervkram hat meinen Adrenalinspiegel so hoch gepusht, dass ich erst gegen Morgen eingeschlafen bin, obgleich dann (zum Glück!) keiner mehr anrief.

Und die Patienten? Wären gewiss auch froh, wenn alles ein wenig einfacher wäre! Nicht, dass sie vor lauter Frust noch den teuren Rettungswagen mit Notarzt rufen, weil sie sich deren Nummer 112 so leicht merken können. Auch, wenn es gar nciht nötig wäre. Dann würde es richtig teuer!









von Dr. Frauke Höllering
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Dienstag, 4. dezember 2007
Vor zwei Tagen versagte die Pumpe  unseres heimischen Geschirrspülers, weil ein zerbrochenes Glas sich darin verfangen hatte. Da es geradezu verbrannt gestunken hatte, vertraute ich lieber dem Siemens- Kundendienst als unseren Fähigkeiten. Er kam, sah und hatte das Thema innerhalb von 10 Minuten erledigt. Diese "kleine Reparatur" ("Das ist das Billigste, das ich Ihnen anbieten kann) kostete 103 Euro.

Hätte der  nette  Monteur in meiner Küche einen Herzstillstand bekommen, hätte ich ihn  reanimiert (inklusive Herzdruckmassage und Mund- zu- Mund- Beatmung). Für ca. eine halbe Stunde Schwerstarbeit hätte seine gesetzliche Krankenkasse mir keine hundert Euro zugestanden.

Rein finanziell ist es eindeutig besser, etwas von Spülmschinenpumpen zu verstehen, als sich mit der menschlichen "Pumpe" auszukennen!


von Dr. Frauke Höllering
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Profil

  • : Dr. Frauke Höllering
  • medizin
  • : weiblich
  • : 9/11/1958
  • : Ich habe eine Gemeinschaftspraxis in einer sauerländischen Kleinstadt, in der ich wirklich gerne arbeite. Das aber nur in der Hälfte meiner Zeit. In der anderen Hälfte schreibe ich (z. B. in der "Neuen Welt" oder bei Focus online).

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