Montag, 4. februar 2008
Ich liebe meinen Beruf. Aber in der 5. Jahreszeit ist es gar nicht so leicht, die Pappnase aufzusetzen, wenn einen die Patienten dabei beobachten können. Alles, was für andere selbstverständlich ist: Lachen, Flirten, Tanzen und Trinken, möchte ich natürlich auch! Aber wie sich zum Narren machen, wenn man in der Kleinstadt dabei immer wieder auf Patienten trifft?  Mittlerweile kann ich damit leben. Ich trinke Bier, ich verkleide mich nach Lust und Laune, ich tanze mit Widlfremden und passe nur auf, es nicht zu übertreiben. 

Gut erinnere ich mich noch an meinen ersten "Kneipenkarneval", nachdem ich mich in der Kleinstadt niedergelassen hatte. Ich hatte eine Freundin gewonnen, die mich mit ihrer Truppe mitnahm. Mein Mann konnte mit Karneval nichts anfangen, also zog ich ohne ihn los. Wir hatten viel Spaß in der Clique, und hin und wieder tanzte ich mit dem Mann meiner Freundin. Da wir beide am nächsten Morgen arbeiten mussten (er ist Physiotherapeut, ich musste in die Praxis), gingen wir beide schon gegen eins. Schon am nächsten Tag gingen die Buschtrommeln: "Der Manfred hat mit einem unbekannten ´blonden Gift´ getanzt und ist dann mit ihr gemeinsam verschwunden!". Ich wir mächtig froh, dass meine Freundin von unser beider Unschuld überzeugt war, und sich vor Lachen ausschütten konnte über das heiße Gerücht.

Jetzt bin ich weder "blondes Gift" mehr, noch unbekannt, aber das macht es nicht besser. Es wird nun gern erzählt, was die Doktorin im Karneval so alles angestellt hat. Mindestens drei Viertel sind davon erfunden, aber ich nehme es mit Gleichmut. Schließlich erzählt man auch Geschichten über mich, wenn ich ganz brav bin... Also kann ich auch mal auf dem Tisch tanzen. In diesem Sinne: Helau und Alaaf!
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Sonntag, 3. februar 2008
Wenn man ein bisschen zuviel getrunken hat in den tollen Tagen, kann man es morgens mit einer Tablette ACC 600 versuchen. Deises Medikament, eigentlich als Hustenlöser gedacht, führt zu einer Anregung der Enzyme in der Leber, so dass Restalkohol schneller abgebaut wird.

Ich kenn eine Menge Leute, die sehr zufrieden mit dem Effekt sind. Ich habe aber auch einen erlebt, der das Gefühl hatte, nun erst richtig verkatert zu sein! Warum? Keine Ahnung. Ausprobieren also auf eigene Gefahr!

Besser ist es natürlich, gar nicht erst zuviel zu trinken ;-))



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Freitag, 1. februar 2008
Vor mir sitzt ein junges Paar, gerade mal 30 Jahre alt . Beide fragen an, ob es mir  möglich sein, ihnen eine Kur zu verschreiben. ich muss ziemlich verblüfft ausgesehen haben: "Wozu denn eine Kur?", frage ich schließlich. Die junge Mutter hatte ich nur sehr selten wegen banaler Infekte gesehen, der  junge Mann kam zweimal im Jahr  wegen Beschwerden der Lendenwirbelsäule.

Sie berichteten mir, dass das Leben mit dem Säugling und seiner großen Schwester (schon im Kindergarten ) anstrengend sei. Auch  habe man mit Hausbau, Schichtarbeit und politischem Engagement viel um die Ohren, dass man sich nun eine "Familienkur" gut vorstellen könne. Schließlich sei der Schichtdienst ja auch nich tgut fürs Herz, habe man gelesen.

Tja... Ich könnte mir auch mal eine Kur für mich vorstellen (nein, eigentlich nicht, ich hätte gar keine Lust dazu!), aber es gibt da ein paar Bedingungen: Man muss erkrankt sein, so sehr, dass die Arbeitsfähigkeit langfristig bedroht ist, und: Man muss gegen diese Krankheit schon zu Hause alle Therapiermöglichkeiten ausgeschöpft haben.

Schnell kamen wir zu dem Ergebnis, dass es für den jungen Mann wohl nicht sinnvoll wäre, einen Kurantrag zu stellen. Seine Frau, offensichtlich erschöpft und mit dunklen Ringen unter den Augen, kann auf eine Kur über das Müttergenesungswerk hoffen.

Als beide gegangen sind, habe ich darüber nachgedacht, wie ich das damals hingekriegt habe: 2 kleine Jungs, Job in der Klinik, Dienste in jeder 3. Nacht... Aber auf die Idee, so jung in Kur zu fahren, sind wir nie gekommen. Waren wir blöd, das System nicht auszunutzen, oder sind die jungen Leute von heute weniger hart im Nehmen? 
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Donnerstag, 31. januar 2008
Viele unserer Praxisgespräche betreffen erst den Körper, aber dann die Seele. So sprach ich neulich mit einem Patienten, dessen Bluthochdruck sich  auch mit Medikamenten kaum einstellen ließ. Als ich ihn nach seiner Familie fragte, schüttete er sein Herz aus:

"Ich bin 61", sagte er, "und meine Tochter ist 17. Sie macht eine Schulausbildung nach, aber sonst nur, was sie will. Sie hilft nicht, sie ist frech, sie kommt und geht nach Belieben. Seitdem wir weniger Geld haben, weil ich Frührentner geworden bin, verachtet sie mich. Sie sagt höhnisch, ich sei zu alt, um z. B. ein Handy zu haben und seine Bedienung zu verstehen.  Wenn sie mal wieder in der Patsche sitzt, darf ich ihr raushelfen, ansonsten dürfen wir Eltern ihr nichts sagen. Wir sind einfach zu alt Eltern geworden!".

Während er erzählte, dachte ich an die über 60- jährigen Frauen, die sich noch durch künstliche Befruchtung ein Baby "verschafft" haben. DIE sind zu alt! Mit 44 Vater zu werden, ist vielleicht nicht ideal, aber das scheint mir hier nicht das Hauptproblem zu sein. Die spät geborene Tochter wurde viel zu viel verwöhnt, wie ihr Vater zugab. Die Eltern waren Wachs in ihren Händen, jede Forderung wurde erfüllt. So verlor das kleine Gör sämtlichen Respekt vor ihren Eltern. Schade, weil Respekt und Liebe sich nicht ausschließen. Im Gegenteil! Kinder brauchen Grenzen und starke Eltern, um sich innerhalb der gesetzten Regeln geborgen zu fühlen. Wenn sie ihre Eltern verachten, werden sie einsam und haltlos.

Nun ist schon viel kaputt gegangen. Ich habe dem Vater geraten, ein paar klare Regeln aufzustellen: Die Tochter übernimmt einen Teil des Haushaltes; in jedem Falle bügelt sie ihre Wäsche selbst. Vernachlässigt sie ihre Aufgaben, wird sie erst ermahnt, dann wird für sie nicht mehr mit gekocht. Sie muss begreifen, dass die Familie keinen Enbahnstraße ist! Je fester die Eltern ihren Standpunkt vertreten, je konsequenter sie sind, umso mehr Achtung wird ihre Tochter vor ihnen bekommen. In ruhigen Zeiten wird sie fühlen, wie sehr ihre Eltern sie lieben. Der Weg zum Ziel wird allerdings mit Streit und Diskussionen gepflastert sein. Ich hoffe sehr, dass die Eltern das durchhalten!

Meine keinen Blutdruckpillen kommen gegen große Probleme nur mühsam an. besser ist es, man packt sie an der Wurzel!

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Mittwoch, 30. januar 2008
Liebe Leserinnen und Leser,

für ein neues Buchprojekt suche ich Frauen, die sich nach anfänglichen Zweifeln (Abtreibung?) doch dafür entschlossen haben, ein Kind zu bekommen. Es ist egal, ob diese Entscheidung einige Monate oder viele Jahre her ist!

Ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Erfahrungen (gern anonym) per Email schicken.: dr.hoellering@web.de. Wenn Sie nicht unbedingt anonym bleiben wollen (im Buch bleiben Sie es natürlich!), freue ich mich über eine Telefonnummer, damit wir vielleicht mal telefonieren können, wenn das Buch Gestalt annimmt.

Der Anlass zu diesem Projekt ist die Tatsache, dass vor 40 Jahren die 68er im STERN bekannten: "Wir haben abgetrieben", was zum Teil übrigens gar nicht stimmte. Im geplanten Buch soll man die Gegenseite zum Zuge kommen.

Ich bin gespannt!

Übrigens: Auch Männer können mir schreiben. Ihre Sicht der Dinge wird viel zu oft unter den Tisch gekehrt.

Danke!
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Mittwoch, 30. januar 2008
Eigentlich  hatte ich auf einen gemütlichen Feierabend gehofft, aber dann kam es ganz anders: Die Polizei rief mich an mit der  Bitte, einen unserer Patienten per Gerichtsbeschluss in die Klinik zu schicken.

Was war passiert? Wieder einmal hatte er den Kampf gegen die Alkoholkrankheit verloren. Seit etwas überzehn Jahren trank er zuviel, und auch mehrere Krankenhausaufenthalte und Kuren hatten daran nichts geändert. Eine Weile blieb er trocken, besuchte vielleicht sogar eine Selbsthilfegruppe, aber nach einigen Wochen bis Monaten war es wieder soweit, dass er trank. Auslöser war meist Unzufriedenheit mit sich und den anderen. Obgleich auch wegen anderer Erkrankungen frühberentet und mit viel Tagensfreizeit, erwartet er von seiner voll berufstätigen Frau hausfrauliche Höchstleistungen. Die Idee, selber mit anzupacken, empfindet er als absurd. Wenn seine beiden fast erwachsenen Kinder nicht genau so "funktionieren", wie er das will, schnappt er ein. Der Weg von Zorn und Frust zum Bierglas ist dann nur noch klein .

Jetzt war es wieder soweit. Aus dem autoritären, aber nüchtern durchaus harmlosen Mann war ein Betrunkener geworden,  der seine Tochter mit einem Messer bedrohte und von Selbstmord murmelte. Die Polizisten trafen ihn nicht tobend, sondern ruhig vor. Mitnehmen konnten sie ihn nicht, weil "nicht wirklich" etwas passiert war. Da er im Rausch aber schon öfter gewalttätig geworden war, war so etwas zu befürchten. Also wurden der Dienst habende Beamte vom Ordnungsamt und ich herbeitelefoniert. Eine Einweisung in die geschlossene psychiatrische Abteilung war nicht zu umgehen.

"In 24 Stunden werden Sie mit einem Richter sprechen", erklärte ich. "Der wird entscheiden, wie es weiter geht. Ich hoffe, dass Sie bald wieder nüchtern sind und entlassen werden. Vor allem aber hoffe ich, dass dieses das letzte Mal sein wird, dass Sie zwangseingewiesen werden". Natürlich war mein Patient sauer und enttäuscht, fühlte sich verraten und missverstanden. Gut, dass ich ihn seit vielen Jahren kenne; denn wenn ein fremder Arzt ihn per Gerichtsbeschluss einwiesen hatte, ging das nicht ohne wütenden Widerstand ab.

Auf dem Heimweg dachte ich über Alkohol nach. Wie glücklich ich bin, dass ich Bier oder Wein trinken kann, ohne in eine Abhängigkeit zu rutschen! Das verdanke ich meiner günstigen Genetik. Ich habe z. B. Ärzte, Richter, Hausfrauen und Arbeiter getroffen, die das Pech hatten, süchtig zu werden. Anfangs tranken sie auch nur hin und wieder, aber es wurde immer mehr, weil sie das "Sucht- Gen" haben.  Mein Patient tat mir Leid, und ich sehe schwarz für ihn. Auch seine Familie tut mir Leid; irgendwann wird seine Frau ihre Drohung wahr machen und sich von ihm trennen. Ich sehe sein Haus unter dem Hammer und ihn einsam und enttäuscht. Dann wird er gar nicht mehr aufhören zu trinken.

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Dienstag, 29. januar 2008
Zum Thema "Wartezeit in Arztpraxen" berichtete Puenzel, wie sich ihre Praxis den  A... aufreißt, um all die Magen- und Darmspiegelungen zu schaffen, die benötigt werden.  Bei so einer Belastung wundert es natürlich keinen, wenn der Terminplan aus den Fugen gerät. Einzige Möglichkeit: Weniger Termine annehmen. Aber was machen die Patienten dann? Leider schreiben sie nicht nach Berlin, um sich zu beschweren! Folgendes ist nämlich passiert:

Vor einigen Jahren bekamen niedergelassene Internisten die Aufforderung, sich zu entscheiden: Wollen sie rein fachärztlich arbeiten, also auf Überweisung Untersuchungen mit ihren Geräten durchführen, oder lieber hausärztlich? Für den durchschnittlichen Internisten war die Frage existenzbedrohend, so auch für meinen Praxispartner. Der bot selbstverständlich beides an, hausärztliche Betreuung (was vor allem die chronisch Kranken mit komplizierten Krankheitsbildern schätzten) und fachärztliche Untersuchungen, wie Röntgen und Spiegeln von Magen und Darm.

Seine erste Reaktion war "Trotz": Ich lasse mir doch meine Untersuchungen nicht nehmen!" Fortan wurde seine hausärztliche Arbeit nicht mehr bezahlt (er machte sie natürlich dennoch weiter). Von Spiegelungen und Röntgenbildern allein aber konnte er aber nicht leben; die Praxis machte herbe Verluste. Nach 15 Monaten zog er die Notbremse und entschied: "Ich bin jetzt Hausarztinternist". Das bedeutete, dass wir Röntgenanlage und Spiegelausrüstung abschaffen mussten. Wir haben uns durchgerungen, keine Helferin zu kündigen; immerhin hatten unsere Damen dank 10- €- Kassiererei und anderem Verwaltungswahnsinn immer mehr zu tun.

Die Praxis erholte sich wieder, aber mein Kollege ist enttäuscht und verbittert. 25 Jahre hat er gute Diagnostik gemacht, und nun müssen unsere Patienten fürs Röntgenbild in Bus oder Taxi steigen! Wir fühlen uns enteignet, seine Kenntnisse kann er nicht mehr nutzen.

Was ist der Sinn dahinter? Frau Schmidt in Berlin war der Auffassung, dass zuviel geröntgt und gespiegelt würde, wenn jeder Internist das dürfe. Anscheinend hat sie keine Ahnung, dass kaum ein Patient freiwillig einen Schlauch schluckt, und dass die meisten Ärzte ethisch genug sind, um ihre Patienten nicht aus reiner Geldgier mit Röntgenstrahlen zu belasten (außerdem war Röntgen bei uns nur kostendeckend, aber eben praktisch).

Wie geht es weiter? Es gibt lange Wartezeiten für diagnostische Maßnahmen, die Facharztpraxen sind überlastet (siehe Puenzels Beitrag) und erbringen einen erklecklichen Teil ihrer Arbeit umsonst. Wo geht es hin? Das sieht man ja schon: Für die meisten jungen Ärztinnen und Ärzte ins Ausland! Das kann es doch nicht sein.

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Montag, 28. januar 2008
Ich bin sehr stolz auf den funktionierenden Terminkalender in unserer Praxis. Wir achten darauf, dass die Wartezeiten für Patienten mit Termin im Schnitt höchstens 15 Minuten dauern, an "drubbeligen" Tagen höchstens eine halbe Stunde. Wer ohne Termin kommt, muss warten, bis wir ihn zwischenschieben (dafür gibt es Pufferzeiten). Natürlich kümmern wir uns sofort um Notfälle oder schwer erkrankte Patienten.

Ich lese gerade in Foren immer wieder,  dass Leute bis zu 2 Stunden in Wartezimmern herumsitzen. Ich halte das für eine Zumutung! Gerade in Facharztpraxen, die wenige Notfälle zu behandeln haben,  muss das nicht sein. Wenn ich wegen eines Notfalls die Praxis verlassen muss, informiere ich die Patienten im Wartezimmer, wie lange ich wahrscheinlich weg sein werde. Sie können dann überlegen, ob sie warten wollen oder noch einmal wiederkommen. An nomalen Tagen kann man auch in einer großen Praxis wie der unseren seine Termine gut einhalten, wenn man sich darum bemüht. Weiß der Himmel, wie solche irrwitzigen Wartezeiten zu Stande kommen.

Ich habe Respekt vor jedermanns Zeit, aber ich wünsche mir, dass man auch mit meiner Zeit  sorgsam umgeht. Dass ich an einem Montagmorgen hier blogge, liegt schlicht daran, dass ein Patient  einfach nicht erschienen ist, obgleich wir eine aufwändige Untersuchung  geplant hatten: Lungenfunktion, Gesundheitsscheck, DMP Asthma.  In der dafür eingeplanten Zeit  konnte ich zwar zwei Patienten zwischendurch sehen, aber nun heißt es 10 Minuten "Däumchen drehen". Natürlich kann ich bloggen, Kaffee trinken, Schreibtisch aufräumen... Aber lieber würde ich das tun, wofür ich heute in die Praxis gekommen bin! Solche langen Termine nämlich sind rar, und diesen hätte gerne jemand anders gehabt, der sich nun gedulden muss.

Darum, liebe Patienten: Wenn Sie einen Termin haben, den Sie doch nicht wahrnehmen können, sagen Sie ihn bitte ab! Andere freuen sich ,wenn sie ihn übernehmen können, und wir können weiterhin gut planen. Wäre doch schade, wenn auch wir anfängen, unser Wartezimmer vollzu"stopfen" vor lauter Angst, plötzlich Däumchen drehen zu müssen.
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Sonntag, 27. januar 2008
Hundertzwanzigtausend offiziell gemeldete Abtreibungen haben wir jährlich in Deutschland, bei sicher noch erklecklicher Dunkelziffer. Das, obgleich uns  allerlei wirksame Verhütungsmittel zur Verfügung stehen, und trotz der Tatsache, dass eine Abtreibung ein einschneidendes, oft dauerhaft psychisch belastendes  Erlebnis ist. Das ist gut nachzulesen in der Studie "Kleiner Eingriff, großes Trauma", die sich mit den psychischen Folgen von Abtreibungen beschäftigt.


Ca 40 % der abtreibenden Frauen sind verheiratet, das Gros ist zwischen 25 und 40 Jahren alt.  Teenager, Vergewaltigte und  medizinisch Gefährdete sind in der absoluten Minderzahl.  Ich lag vor  vielen Jahren mal mit einer verheirateten Frau im Krankenzimmer, die ihre 7. Abtreibung hinter sich hatte. Sie ging genauso vor wie meine (berufstätige)  Nachbarin zu Studentenzeiten: "Ich vertrage die Pille nicht, mein Mann/Freund mag keine Kondome, dann treibe ich eben ab".

Viele Frauen (und Männer!) sind sich gar nicht bewusst, dass  bei einer Abtreibung in der 12. Woche ein perfekter kleiner Mensch mit Fingern, Herz , Zunge und allem, was dazugehört, zerstückelt und zerstört wird. In vielen Gesprächen auch mit (eigentlich gebildeten) Studentinnen hört man aber, dass doch nur ein "Zellhaufen" entfernt würde. Woher kommt dieser Mangel an Aufklärung, wo wir doch Sexualkunde in den Schulen und auch sonst Auifklärung an jeder Ecke haben??

In der "Welt am Sonntag" von heute las ich den erschütternden Leserbrief einer Hebamme. Da stand, dass für über 110.000 Abtreibungen jährlich die Kosten vom Staat getragen werden, weil die Betroffene unter 1000 € monatlich verdient. Was der (verhinderte) Vater verdient, ist dabei egal! Ist es also tatsächlich möglich, dass Frauen sagen: "Die Pille muss ich selber zahlen, dann treibe ich lieber kostenlos ab"? Ich hoffe, dass das nicht stimmt!

Es geht mir nicht darum, Abtreibungen per se zu verteufeln. In manchen verzweifelten Lagen kann ich verstehen, dass man sich dazu durchringt. Aber man sollte schon darum ringen und nicht leichtfertig entscheiden!

Ich habe soviel  darüber geschrieben, wie man  auf sich selber aufpassen sollte. Bitte, passen Sie auch auf Ihre Verhütung auf! Wenn dann doch mal überraschend eine Schwangerschaft entsteht, dann überlegen Sie sich: "Warum eigentlich nicht?". Den perfekten Zeitpunkt für ein Baby gibt es sowieso nicht... Neuer Job, kein Job, zu jung, zu alt, Haus gebaut, Wohnung zu klein.... Wer Kinder möchte, macht den Zeitpunkt, an dem sie kommen, eben zum perfekten Moment! Ich habe das vor vielen Jahren genauso gemacht, obgleich mir "Pro Familia" auf Grund meiner derzeitigen Lage sofort den Schein für eine Abtreibungsindikation ausgestellt hätte. Dass ich nicht im Traum daran gedacht habe, dorthin zu gehen, sondern mein Leben auf dieses Baby neu ausgerichtete, war die besten Entscheidung meines Lebens.
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Samstag, 26. januar 2008
Ich verbringe viel Zeit damit, meine Patienten vom Rauchen abzubringen. Das geht manchmal erstaunlich gut, oft gar nicht, und manchmal muss ich aufpassen, den Leuten nicht gar zu sehr auf den Keks zu gehen. Gerade den Jungen, denen Aufhören gar nicht so schwer fallen würde, ist es ziemlich egal, was in 20 oder 30 Jahren passiert. Wenn sie mit 50 einen Herzinfarkt bekommen, denken sie, ist das doch auch nicht so schlimm; schließlich sind sie dann ja schon "ziemlich alt"! An Lungenkrebs denken sie gar nicht, weil der doch relativ selten ist.

Nun aber besucht mich ein Mann, der  im letzten Jahr den 50. Geburtstag gefeiert hat,  eigentlich recht fit.  Unglücklichweise aber ist er nun an Lungenkrebs erkrankt. Er hat früher regelmäßig geraucht, dann einige Jahren nicht, dann einige Jahre wieder, ca 15 Zigaretten am Tag.  Jetzt  hat es ihn also erwischt... Wie ärgerlich, dass er damals das Rauchen wieder angefangen hat! Hätte er es gelassen, wäre er jetzt wahrscheinlich gesund.

Nun sitzt er vor mir mit vielen Fragen. Er wird operiert werden, einen Lungenflügel verlieren, sicherlich nachbestahlt werden.  Er wird evtl. eine Chemotherapie bekommen. Ob ihm das das Leben retten wird? Wahrscheinlich nicht... Die Überlebensrate bei diesem Krebs sind enttäuschend. Aber natürlich hoffe ich für ihn!

Zunächst ist sein Leben anders geworden. Er wird nie mehr arbeiten können, Tennis spielen, unbeschwert sein. Er ist zwar "schon" 50, aber eben auch "erst" 50. In diesem Alter (das ich selber habe) ist man beruflich oft gut etabliert, erfolgreich, fit. Man treibt Sport, genießt seine Freizeit, weil die Kids aus dem Hause sind, und erfüllt sich mit dem ersparten Geld ein paar Träume. Man denkt daran, dass man noch mal richtig ranklotzen will vor der Rente. Schließlich hat man schon Erfahrung und noch Schwung! Man steht also mitten im Leben! Es ist eine wunderbare Zeit, weil man schon vieles erreicht hat, aber noch einige Pläne. Man hat echte Freunde gefunden, Selbstsicherheit, oft auch bescheidenen finanziellen und beruflichen Erfolg, ohne die Fähigkeit zum Träumen schon verloren zu haben. Man ist körperlich zwar nicht mehr so hübsch wie man 20, aber oft immer noch gut drauf. So ging es bisher auch meinem Patienten.

Und dann das! Krebs haben, eine Lungenflügel verlieren, behindert sein. Angst haben, dass man Metastasen findet,die das Leben spätestens nach ein paar Jahren beenden. Angst vor Siechtum, Schmerzen, Schwäche.

Das alles ist so überflüssig! Ich werde diesen Patienten zum Anlass nehmen, meinen Kampf gegen die Nikotinsucht mit neuem Schwung weiter zu führen. Einer, dem ich dieses Schicksal ersparen kann, ist ein paar Genervte wert! Übrigens sind auch Herzinfarkt oder Schlaganfall mit 50 das Ende mancher schönen Lebensträume... Jeder 3. Infarkt ist sogar tödlich. Am besten ist: Das Rauchen gar nicht erst anfangen.

von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Profil

  • : Dr. Frauke Höllering
  • medizin
  • : weiblich
  • : 9/11/1958
  • : Ich habe eine Gemeinschaftspraxis in einer sauerländischen Kleinstadt, in der ich wirklich gerne arbeite. Das aber nur in der Hälfte meiner Zeit. In der anderen Hälfte schreibe ich (z. B. in der "Neuen Welt" oder bei Focus online).

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