Montag, 3. märz 2008
So titelte die "Welt am Sonntag"  und wollte von ihren Leserinnen und Lesern wissen, warum das so ist.

Teilweise wurde in den Antworten am gestrigen Sonntag Altbekanntes geschrieben: Dass man für 30 bis 45 Euro pro Qartal (je nachdem, wo man niedergelassen ist) seine Patienten nicht ordentlich behandeln kann, oder dass der Schlüssedldienst für seinen Besuch 75 Euro nimmt, der Hausarzt aber nur 25 Euro bekommt.

Eine Zuschrift aber stimmte mich nachdenklich und ärgerlich: Das schrieb ein Leser, dass wir Hausärzte ein Vielfaches dieser Summen ausgeben: Für Medikamente, Heilmittel, Hilfsmittel. Soweit, so richtig. Sollen wir unsere Patienten unversorgt lassen? Weiter aber hieß es wörtlich: "Ein riesiger Kostenblock wird durch Einweisungen ins Krankenhaus und Überweisungen zu Fachärzten veranlasst".

Das Ganze las sich für mich so, als würden wir Hausärzte das Geld der Kassen leichtsinnig verschleudern. Dabei ist es genau andersherum: Wenn man erst uns aufsucht, und nicht gleich zum Facharzt geht, wird es meistens preiswerter! Wir kennen unsere Patienten, wir untersuchen sie körperlich, wir fahren nicht gleich den ganzen Maschinenpark hoch. Wie sind der Meinung, dass die Spezialisten nicht mit banalen Erkrankungen beschäftigt werden sollten, damit sie Zeit für jene kniffeligen Fragestellungen haben, für die sie sich fortgebildet haben. Wer von seinem Hausarzt zum Facharzt überwiesen wird, kann sicher sein, dass es mit einer konkreten Fragestellung und nach erster Abklärung geschieht. Das SPART Unsummen!

Zu den Einweisungen ins Krankenhaus kann ich nur fragen: "Wer sind denn die Ärztinnen und Ärzte, von manchen zynisch ´Treppenterrier´genannt, die kranke und immobile Patienten zu Hause versorgen, damit sie NICHT ins Krankenhaus müssen? Wer verschreibt und überwacht denn häusliche Pflege, nimmt Blut ab und verbindet im eigenen Zuhause? Wir tun das! Wenn Spezialisten den Wochenenddienst versehen, landen viel mehr Patienten in der Klinik, weil viele Fachärzte ohne Technik hilflos sind.  Ergänzend muss man von sog. "blutigen Entlassungen" wissen: Hier geht es um Patienten, die kurz nach Operationen schon nach Hause geschickt werden mit der Aufforderung, sich beim Hausarzt weiterversorgen zu lassen. Und wir sind dann die Doofen, die (oft unbezahlt)  über Land fahren, und das brav tun. Wir können das auch, denn die Ausbildung zum Allgemeinarzt umfasst eine chirurgische Pflichtzeit.

Das ist für mich einer der wichtigsten Gründe, nicht mehr sehr glücklich in Deutschland zu sein: Nicht nur viele Politiker (allen voran Ulla Schmidt), sondern auch viele anderen Menschen haben die Wertschätzung für unseren Beruf verloren. Meine Patienten zum Glück aber nicht. Darum bin ich noch hier!
von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Samstag, 1. märz 2008
Mein junger Patient ist wirklich nett. Darum freue ich mich mit ihm,  dass er nach längerer Junggesellenzeit wieder eine Freundin gefunden hat.  Was mich bekümmert: Sein Blutdruck ist chronisch erhöht und auch durch sein  Medikament nicht gut einzustellen.  Auf meine Nachfrage hin berichtet er mir, dass er neben seiner anstrengenden Arbeit (bei der er leider bescheiden verdient) noch  einen zeitaufwändigen Zusatzjob angenommen habe. Mit dem Geld bezahle er die Wochenendreisen zu seiner  Freundin, die leider  in einer anderen Stadt lebt. Dort studiert sie, und auch sie hat einen Nebenjob (darum mag sie nicht den Studienort wechseln, um ihrem Freund näher zu sein). Allerdings nutzt sie das verdiente Geld nicht dafür, mal ihren gestressten Freund zu besuchen, sondern sie füttert damit mehrere Dutzend Haustiere. Mehrere Dutzend! Ratten, Hamster, Vögel...

Da rackert sich der geliebte Mann so ab, um die Treffen zu ermöglichen, dass seine Gesundheit schon Schaden nimmt, und sie haut 500 € monatlich für für das ganze Viehzeug raus! Wenn sie nur die Hälfte davon als Reisekosten abgeben würde, könnte ihr Freund auf den 400 €- Job verzichten (er hat ja auch noch die ganze, zeitraubende Fahrerei am Hals). Aber anscheinend kommt ihr dieser Gedanke nicht, oder die Tierchen sind ihr wichtiger.

Als mein Patient die Praxis verlässt, bleibe ich nachdenklich zurück. Er gibt alles, sie gibt den Tieren. Ich hätte ihm eine Partnerin gewünscht, für die er an allererster Stelle steht. Für seinen Blutdruck musste ich ihm einer zusätzliche Pille verschreiben.
von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Freitag, 29. februar 2008
... Wenn es doch das Internet gibt? Diese Frage hat jemand bei Google eingegeben, und das  hat mich mächtig erschüttert. So wenig sind wir unseren Patienten wert?

Schon in den ersten beiden Praxisstunden heute hatte ich zwei Patientinnen, die durch das Lesen im Internet völlig in die Irre geleitet wurden. Die eine dachte, sie hätte eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die andere meinte, von multiresistenten Streptokokken befallen zu sein. Bei der  letzteren  genügte ein Blick auf die Haut, um einen allergischen Ausschlag zu diagnostizieren. Die erste musste ich untersuchen und befragen, bis klar wurde, dass sie unter Blähungen litt, weil sie kaum kaute, hastig aß und meist nur schwer Verdauliches. Bis zur Diagnosestellung haben sich beide Patientinnen eine Menge Sorgen gemacht!

Das Internet kann  nur ungefiltert einen Berg von Informationen preisgeben, deren Wichtigkeit man nicht einschätzen kann. Natürlich kann man bei Schwindel MS haben, aber anderes ist tausendmal wahrscheinlicher. Warum sich also  erst Sorgen machen durch sinnloses Stöbern im Netz?  Gerade meinen  unsere Netz- Hypochonder alle, sie litten an ALS, einer extrem seltenen Nervenkrankheit. Auf die wären sie niemals gekommen, wenn sie nicht im Net gestöbert hätten. Wenn man eine Diagnose hat,  kann man mit dem Net schon mehr anfangen. Hier finden sich Hintergrundinfos und Selbsthilfegruppen; was man aber liest, sollte man wieder mit dem Hausarzt besprechen, damit der die Relevanz einschätzen kann. Es steht auch viel Mist im Netz!

Man braucht einen Hausarzt aber für viel mehr: Als Begleiter und Gesundheitsratgeber, als  Vorsorgemanager und Ratgeber, welcher Facharzt bei Bedarf weiterhilft (Lotsenfunktion) , als guten Allgemeininternisten, der sich um die meisten Krankheiten selber kümmern kann, als psychologischen Helfer in Krisensituationen, als einen, der sich auch um das Umfeld kümmert, als Ratgeber bei Partnerschafts-, Job- und Erziehungsfragen, als Arzt, der ans Krankenbett kommt, wenn man nicht mehr krabbeln kann, als Sammler und Erläuterer der Facharztbefunde und Krankenhausbriefe (die man bei Hausarztwechsel als kostbare Dokumente weiterreicht), als Ratgeber in Sachen Selbstmedikation, weil der Apotheker nicht unabhängig ist (er will ja so viel wie möglich verkaufen), als Reisemediziner und Impfplaner, als Tröster, als Kurenbeantrager, als Krankschreiber, als einen, der einen auch mal in den Hintern tritt, das Rauchen aufzugeben oder gesünder zu leben.

Eine ganze Menge, oder????????? Schade, dass der/die, der/die jene Frage eingegeben hat, meine Antwort wahrscheinlich nicht mehr zu lesen bekommt!

von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Donnerstag, 28. februar 2008


Eigentlich wollte ich am letzten Wochenende nur eine schöne Zeit im meiner alten norddeutschen Heimat Lübeck verbringen. Ganz ohne Medizin, nicht einmal Fachzeitschriften hatte ich mitgenommen.

Aber dann kam nachts ein Hilferuf einer alten Bekannten aus jenen Tagen, als unsere Kinder klein waren: Sie wüsste nicht, was sie tun solle, ihr Mann hätte sich umbringen wollen. Mittags noch war ich fast 2 Stunden dort,gewesen um den beiden in ihrer Ehekrise beizustehen, die ihnen seit fast einem Jahr Kraft und Nerven raubt. Das war anscheinend nicht besonders erfolgreich gewesen!

Die Szenerie, die mich erwartete, war grauenhaft. Seit einer Stunde hielten die erwachsenen Söhne ihren Vater im Klammergriff, dass er nicht zu Ende führte, was er schon sehr zielstrebig begonnen hatte, bis die Jungs dazwischenkamen. Er tobte, fluchte und drohte, während seine Familie ihn in Schach hielt. Seine Entschlossenheit, sich umzubringen, war so groß, dass ich die Polizei holte. Gemeinsam fuhren wir mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, glücklicherweise kam er (nach vielen besänftigenden Worten) freiwillig mit.

Als wir in der nüchternen Plastikstuhl- Atmosphäre ankamen, wurde mir noch einmal bewusst, was Kummer, Zorn  und Enttäuschung aus Menschen machen kann! Aus einem charmanten, erfolgreichen, netten Kerl war ein nervliches Wrack geworden, das behütet werden musste (seiner Frau geht es nicht besser, aber sie denkt nicht an Selbstmord). Ich war froh, dass ein Freund auf der Station eingetroffen war, als ich mit der Polizei zurückfuhr. "Das verzeih ich dir nie!", sagte der Patient immer wieder zu mir, und das hatte er auch zu seinen Söhnen gesagt.

Auf dem Rückweg schaute ich bei der Familie vorbei, die wie gelähmt war. Wire sprachen über die private und berufliche Katastrophe, die sich entwickelh hat und noch deutlich verschärfen wird. Wir sprachen über unsere Sorge, dass er sich irgendwann doch einmal umbringen würde. Aber die ganze Nacht  im eigenen Bett verfolgte mich die Sorge um die Söhne. Was sie  erlebt und gehört haben, lässt sich nicht mehr auslöschen. Sie werden sehr viel Zeit, Liebe und Kraft brauchen, damit fertig zu werden. Wenn bloß dies das letzte große Drama war! Mehr können alle Familienmitglieder wirklich nicht verkraften.



von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Mittwoch, 27. februar 2008
Vor einem Jahr hatte ich meinem Patienten das Leben gerettet: Er schleppte sich mit einem Herzinfarkt in meine Praxis (dachte, er habe einen Infekt!) und wurde durch schnelle Erstversorgung und Krankenhauseinlieferung gerettet; noch im Notarztwagen musste er wiederbelebt werden, weil sein Herz aussetzte.

Er ist noch keine 50 Jahre alt, und wenn ich ihn sehe, freue ich mich immer, weil es ihm wieder richtig gut geht. Diesmal machte er mir neue Sorgen: Sein Gesicht war fahlgelb, als sei er an einer bösen Gelbsucht erkrankt.  Das Blasse erklärte sich durch eine Blutarmut, die ihn schon seit längerem begleitet, aber das Gelbe war beunruhigend. Schon beim letzten Besuch hatte ich mich gefragt, ob er etwas gelb sei, aber er fühlte sich (wie jetzt auch) blendend. Seine Blutwerte zeigten keinen Hinweis auf einen Gallestau oder eine Lebererkrankung. "Warum sind Sie bloß so gelb?", fragte ich ihn, ohne auf eine Erklärung zu hoffen.

Die Antwort verblüffte mich: "Kann das an den Karotten liegen?", fragte er unschuldig. Er berichtete, dass er sich nach dem Herzinfarkt das Rauchen abgewöhnt hätte, aber seitdem Unmengen Möhren verzehren würde: Er knabbert bis zu einem Kilo am Tag! Das reicht aus, um ihm  diese seltsame Farbe zu geben, und ich war froh über die einleuchtende Erklärung.

Ich erinnerte ihn aber an Paracelsus, der sagte: " Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist!".Zuviel ist nie gut, und zuviel Betacarotin auch nicht. Er wird sich auf 500 g beschränken und lernen müssen, dass er auch auf dem Sofa sitzen kann, ohne irgendetwas im Mund zu haben.  Sonst wachsen ihm noch Hasenohren ;-)
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Dienstag, 26. februar 2008
Für unsere weniger nachdenklichen Patienten ist der einzig nachvollziehbare Sinn einer Überweisung der, dass sie 10 € sparen: Kommt man ohne Überweisung zum Arzt, wird die Praxisgebühr fällig, es sei denn, es ginge um reine Vorsorge.  (Dann darf man aber auch nicht die winizgste andere Frage nebenbei haben).

Für uns Ärztinnen und Ärzte hat die Überweisung aber noch ganz andere Funktionen! So kann man dort "Mit-, Weiterbehandlung" ankreuzen; das mache ich, wenn der Patient eine Erkrankung hat, die ich nicht weiterbehandeln möchte, weil sie aus meinem Fachgebiet fällt (z. B. Multiple Sklerose, Bandscheibenvorfall, rheumatische Systemerkrankung). Der Schein dient hier auch der Mitteilung an den weiterbehandelnden Arzt. Ich kann darauf schreiben, was ich schon gemacht habe und mit welchem Erfolg. Der Fachkollege weiß, dass die Überweisung sinnvoll ist und zielgerichtet. Dann gibt er lieber einen Termin, als wenn jemand, der z. B. über leichten  Schwindel klagt, direkt beim Facharzt anruft und sagt: "Ich glaube, ich habe Multiple Sklerose, und brauche dringend einen Termin!". Solche Patienten, die bei jedem kleinen Symptom zum Spezialisten wollen, "verstopfen" deren Praxis und verhindern, dass die Experten sich in Ruhe um wirklich schwere Fälle kümmern können.

Dann kann man auch "Zielauftrag" ankreuzen. Das ist z. B. angebracht, wenn ich jemanden zur Magenspiegelung schicken möchte, aber die Befundbesprechung und Weiterbehandlung selber durchführen. Für den Spezialisten hat das den Vorteil, dass seine Leistungen für Zielaufträge nicht gedeckelt sind, er darf sie voll abrechnen. Auch kann ich auf der Überweisung vermerken, warum ich die Spiegelung für nötig halte.

Ein weiterer Vorteil der Überweisung ist der Brief: Ich erhalte einen vom Fachkollegen, wenn er von mir die Fragestellung per Überweisung bekommen hat. Damit habe ich sowohl eine Information, als auch ein schriftliches Dokument, das wir jederzeit wieder einsehen können, und das bei Arztwechsel dem nächsten Hausarzt mitgegeben wird. Ganz wichtig z. B. bei  Fragen wie: "Wann hatte ich nochmal das Röntgebild?", oder "Hatte ich damals eigentlich Magenbakterien?"

Das erklärt, warum es so sinnvoll ist, erst zum Haus- und dann zum Facharzt zu gehen! Der Hausarzt sammelt die Facharztbefunde und fügt sie zu einem Gesamtbidl zusammen. Wer will, dass jemand den gesamten Menschen im Auge behält, sucht sich einen guten Hausarzt.

Das "Überweisungswesen" hiflt also dem Informationsaustausch und verhindert Doppeluntersuchungen bzw. -therapien. Wer überweist, bekommt dafür weder Honorar, noch muss er für seine Überweisungen finanziell geradestehen. Nur, wer Unmengen teurer Untersuchungen (z. B. MRTs) anfordert, bekommt Ärger von der kassenärztlichen Vereinigung.

Was totaler Schwachsinn ist: Sich am Quartalsanfang vorsorglich einen Stapel Leer- Überweisungen zu allen möglichen Fachärzten geben zu lassen. Damit mag man zwar Praxisgebühr sparen, aber mehr auch nicht. Ich stelle solche ziellosen Überweisungen auch nicht aus.





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Montag, 25. februar 2008
Heute herrschte betrieblicher Katastrophenalarm: Nicht nur, weil zwei Helferinnen erkrankt sind, sondern weil es obendrein  auch noch unsere Putzfee erwischt hat! Jede hat etwas anderes, aber das Ergebnis ist dasselbe: Arbeitsunfähig. Gut, dass von drei Ärzten einer im Urlaub ist, wenigstens der kommt nicht aus dem Sprechzimmer und sagt: "Können Sie mal eben...".

Ich weiß gar nicht, wie Ärzte das machen, die wenig Personal haben! Manche habe eine liebe (und nicht anderweits berufstätige) Gattin, die mal einspringt. Aber die anderen, die mit eine roder zwei Helferinnen arbeiten? Machen die in einem solchen Fall den Laden einfach zu?

Wir hatten immerhin noch drei gesunde Helferinnen, denen zwei Ärztinnen reichlich Arbeit beschert haben (EKG, Lungenfunktion, Blut abnehmen, Belastungs- EKG etc. etc.). Meine Spritzen habe ich heute selber aufgezogen, auch die Akupunkturnadeln persönlich gezogen, aber immer noch hatte ich das Gefühl, unsere Helferinnen hätten besser Rollschuhe an den Füßen und sechs Arme gehabt. Klasse Leistung, Mädels!

Am meisten Bauchschmerzen machte mir die kranke Raumpflegerin... Hätten wir Chefinnen selber putzen oder die schwer geschafften Helferinnen einspannen sollen? Schließlich kam die erlösende Idee, und ich rief bei einer Frau an, die früher bei uns geputzt hat. Ich war ganz schön erleichtert, als sie zusagte! Sie wird in den nächsten Tagen dafür sorgen, dass morgens alles wieder glänzt. So lange, bis ihre Kollegin wieder fit ist. Was für ein Glück!



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Samstag, 23. februar 2008
Meine Patientin ist sehr klein und sehr dick... kein Wunder,  weil sie so klein ist,  kann sie wahrscheinlich von ca. 1500 kcal am Tag leben, sie verbraucht auch fast nichts durch Bewegung. Vor Jahren hat sie eine  Schilddrüsen- OP gehabt, nun muss sie ein paar Schilddrüsenhormone nehmen, damit  die fehlende Drüse ausgeglichen wird.

Bei der letzten Blutuntersuchung waren die Werte etwas hoch, darum habe ich die Dosis ein wenig herabgesetzt. Die Überdosis hatte zur Zeichen einer Überfunktion geführt: Der Blutdruck war auf fast 200 angestiegen, der Puls eilte bei 104. Die Patientin war gerade erst neu zu mir gewechselt, und schon musste ich die Dosis ändern, die sie zuvor jahrelang gleichbleibend eingenommen hatte.

Gestern, nach acht Wochen, saß sie wieder bei mir: "Die neuen Pillen nehme ich auf gar keinen Fall!", schimpfte sie erbost. "Ich habe in den letzten beiden Monaten schon 2 Kilo zugenommen!" Ihr Blutdruck war trotz Aufregung auf akzeptable 150/80 gefallen, der Puls unter hundert. Aber natürlich verbrannte sie nun noch weniger Kalorien täglich.

Ich erinnerte sie an den belgischen "Arzt", der Schlankheitskapseln mit u. a. Schilddrüsenhormonen darin auf den Markt gebracht und einige Todesfälle zu verantworten hatte. "Bei einer Überfunktion gleicht man einer Kerze, die an zwei Enden brennt", erklärte ich. "Es wird zwar viel verbrannt, aber man ist schneller am Ende". Sie wollte nichts davon wissen. Nichts davon, dass sie sich mehr bewewgen könne, dass 2 belegte Brötchen ein zu üppiges Frühstück für sie wären. Schimpfend nahm sie das Rezept für die angemessene Medizin und  rauschte ab. Ich bin sicher, sie wird wieder zu ihrem ersten Arzt zurückgehen und ihn bitten: "Schreiben sie mir bitte die Medizin auf, die ich seit Jahren von Ihnen bekomme". Ich bin fast sicher, dass er das tut; schließlich hat er zuvor die Werte auch nciht regelmäßig kontrolliert. Schade um die verpasste Chance!
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Freitag, 22. februar 2008
Der Patient meines Kollegen ist Anfang 70 und starker Raucher. Mitten in die volle Vormittagssprechstunde platzt ein Anruf seiner Frau: Ob ich schnell vertretend nach ihm sehen könnte, er sei "umgefallen". Durch Nachfragen bekomme ich heraus, dass ihm zwar schwindelig war, er aber nun gemütlich auf dem Sofa liegt. Das hört sich ja ganz anders an, und ich verspreche den Besuch für den Mittag.

Nach einem langen Weg inkl. Stau treffe ich in einer völlig verräucherten Wohnung ein. Der  Patient ist wieder auf den Beinen und sagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen, hätte ich in den Besuch gar nicht eingewilligt!". Na prima... Gut, dass ich dafür nicht die volle Sprechstunde verlassen habe! Er mag offensichtlich  meine klaren Worte nicht; schade, dass er nicht abgesagt hat!  Nun bin ich schon mal da. Messe den Blutdruck (160/100, also zu hoch), höre auf die Lunge (bronchitische Geräusche), schaue mir den Rücken an (der Ischiasnerv war  anscheinend Schuld an dem Schmerz, der den Patienten umfallen ließ) und höre mir die Klagen über Luftnot, Rückenprobleme und kalte Füße an.

Bald stellt sich heraus, dass er im Dezember Tabletten gegen Bluthochdruck bekommen hat, die er nie nahm. Dass man eine Kontrolluntersuchung für Herz und Lunge vereinbart hat, die er nicht wahrgenommen hat. Dass man eine schwere Durchblutungsstörung (Raucherbeine) vermutet, und zur Abklärung überwies (der Patient ist nicht hingegangen), dass er versuchen soll, das Rauchen zu lassen (was er als völlig unsinnige Aufforderung strikt ablehnt).

Seine Frau möchte, dass er ins Krankenhaus kommt, aber so schlimm ist es ja nicht, außerdem lehnt ihr Mann das strikt ab. Die Untersuchungen will er nicht, Medizin will er nicht. Da reißt mir die Hutschnur! Ich erkläre ihm, wie unervschämt ich das finde, dass er meine Zeit und die seines Hausarztes verschwendet, indem er erst NICHTS der empfohlenen Maßnahmen seines Hausarztes tut, aber dann einen dringenden Arztbesuch fordert, weil es ihm schlecht geht. Dass er dann aber NICHTS von dem tun will, was ich ihm empfehle. Dass er in keiner Weise bereit ist, an seiner Gesundung mitzuhelfen. Ich fordere ihn auf, nur dann ärztliche Hilfe zu suchen, wenn er sie auch annehmen will. Dann rausche ich zornig zur Tür heraus.

Seine Frau kommt zögerlich hinterher: "Aber Sie müssen doch auch mich verstehen!", sagt sie leise. "Können Sie ihn nicht doch ins Krankenhaus stecken?". Nein, das kann ich gegen seinen Willen nicht, denn er ist nicht akut gefährdet. Sie tut mir Leid, denn sie macht sich Sorgen um ihn und scheitert an seinem Dickkopf. Aber sie hat ihn schließlich mal geheiratet.

Wie froh bin ich über den netten Mann, der zuhause auf mich wartet! Ich hätte schon eine Stunde eher dort sein können.

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Donnerstag, 21. februar 2008
Am Samstag hatten wir die Annonce in der Zeitung, und nun sind die ersten zehn Bewerbungen eingetrudelt. Das einzig positive: Die Mappen sind alle  hübsch und ordentlich! Witzigerweise sind die Floskeln der Bewerbungsschreiben teilweise identisch, also nicht auf dem eigenen Mist gewachsen, sondern irgendwo angekupfert.

Der  Inhalt der Mappen: Oje!  Wie möchte jemand, der auf der Hauptschule reichlich Vieren oder gar Fünfen hat, den komplizierten Beruf der medizinischen Fachangestellten bewältigen? Man kann ja mal ein paar Schwächen haben, aber doch nicht in allen Fächern! Wie soll jemand mit einer 5 in Mathe die Praxiskasse mitverwalten? Wie jemand mit einer 4 oder 5 in Deutsch die Arztbriefe zuverlässig schreiben?

Dann die Fehlzeiten: Bei den meisten sind reichlich Stunden ausgefallen, einige unentschuldigt. Jeder kann mal krank sein, aber dafür kann man eine Entschuldigung bringen. Warum soll ich meinem Team jemanden zumuten, der gerne blau macht?

Dann frage ich mich, warum sich jemand, der sich in einer Praxis bewirbt, nicht über deren Chefs schlau macht. Über die Hälfte der Bewerbungen  (sie kamen aus der Nachbarstadt, wo man mich nicht persönlich kennt) wandten sich an HERRN Dr. Höllering. Das ist unhöflich und nimmt mir die Lust, mir die Kandidatin auch nur anzusehen. Wer sich bei mir bewirbt, sollte wenigstens wissen, wer und was ich bin! 

Ich habe  keine Bewerberin eingeladen, weil ich immer noch hoffe, dass im Laufe der Woche noch andere hinzukommen. Aber im Bewerbungsgespräch wird die Frage kommen: "Warum wollen Sie ausgerechnet in unserer Praxis lernen?" Da käme es gut, wenn die junge Dame wüsste, was wir tun und was wir sind. 

Es ist  wirklich wichtig in allen Lehrberufen, dass man nicht wahllos Reihenbewerbungen verschickt, sondern den Chefs das Gefühl gibt, persönlich angesprochen worden zu sein.  Dafür gibt es genug Infos im Net.

Ich bleibe gespannt!
von Dr. Frauke Höllering Community: Gesundheit
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Profil

  • : Dr. Frauke Höllering
  • medizin
  • : weiblich
  • : 9/11/1958
  • : Ich habe eine Gemeinschaftspraxis in einer sauerländischen Kleinstadt, in der ich wirklich gerne arbeite. Das aber nur in der Hälfte meiner Zeit. In der anderen Hälfte schreibe ich (z. B. in der "Neuen Welt" oder bei Focus online).

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